Trotzdem als Nebensatz

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Während ich neuerdings Kafkas Der Prozeß gelesen habe, bin ich über eine interessante und mir bis dato unbekannten Satzstruktur gestolpert.

Trotzdem K. gerade jetzt nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort: “Gewiss, ich muss fortgehn. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund den Dom zu zeigen.”
Franz Kafka, Der Prozeß

Als Student der deutschen Sprache war mir das Wort trotzdem nur in Hauptsätzen bekannt, nie als Einleitung eines verbvertreibenden Nebensatzes. Ich hielt es anfänglich für einen Fehler seitens des Buchverlags, denn immerhin war meine Ausgabe eine ziemlich billige. Da hätte an der Stelle wohl obwohl stehen müssen. Doch die Konstruktion wiederholte sich mehrmals in Buch.

Nach einer Google-Befragung also stellte ich fest, dass diese Form tatsächlich in den Randregionen der deutschen Sprache sehr verbreitet sei. Vor allem in den Alpen und Böhmen sei diese Form gängig, daher versteht es sich von selbst, dass Schriftsteller wie Kafka, Stifter und Dürrenmatt von ihr Gebrauch machen. Ein etwas älterer Faden auf wer-weiss-was.de bietet eine tolle Erklärung, dass dieses Wort als eine zusammengezogene Form des nun altmodischen „trotz dem, dass“ zu verstehen ist und hebt hervor, dass die Betonung in diesem Falle auf der zweiten Silbe liegt.

Der diesbezügliche Eintrag im Duden:

trotz|dem

Bedeutung

obwohl, obgleich

Beispiel

er kam, trotzdem (standardsprachlich: obwohl) er krank war

Herkunft

entstanden aus: trotz dem, dass …

Nun muss ich nur noch herausfinden, warum die Ausgabe des Textes hier dieses trotzdem durch obwohl ersetzt. Und warum in meiner Ausgabe Kafka das Wort gewiss nie groß schreibt, selbst wenn es am Anfang eines Satzes steht.

Random Quote

The root of all superstition is that men observe when a thing hits, but not when it misses.

— Francis Bacon